Meister mit eigenem Kreis

Meister mit eigenem Kreis

Wolfgang Frommels George-Nachfolge

von Thomas Karlauf

Dieser Text erschien in Heft 2/2011 von Sinn und Form und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Verfasser.
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Ich habe es versäumt, mit ihm darüber zu sprechen. Als im Herbst 1983 der Amsterdamer Freundeskreis von jenem Brief erfuhr, aus dem, wie es hieß, hervorging, daß Wolfgang Frommel nie beim Meister zu Besuch gewesen sei, habe ich nicht mehr den Mut gefunden, eine eindeutige Antwort von ihm zu verlangen. Frommel stand im 82. Lebensjahr, seine Kräfte hatten zuletzt stark nachgelassen. Warum ihn noch einmal quälen mit einer Frage, die auszusprechen für die meisten Freunde schon Verrat bedeutete, schließlich gehörte Frommels „Dichterbericht“, in dem er seine Begegnung mit Stefan George im Jahre 1923 ausführlich geschildert hatte, zu den Identität stiftenden Büchern unserer Runde.
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Ganz eigen im Kreis: Thomas Karlauf im Castrum Peregrini, Zeitung lesend.

Innerlich hatte ich bereits Abschied genommen: Ein paar Monate noch, dann würde ich das exterritoriale Leben der letzten zehn Jahre für immer hinter mir lassen und nach Deutschland zurückkehren. Es gab keinen Grund, noch einmal eine dieser aufreibenden Diskussionen über richtige und falsche Überlieferung vom Zaun zu brechen. Die Frage, ob Frommel George begegnet war oder nicht, hatte für mich keine existenzielle Notwendigkeit mehr, sie interessierte mich nur noch phänomenologisch, und deshalb ging ich dieser letzten Auseinandersetzung aus dem Weg.

Fünfundzwanzig Jahre später gewann das Thema jene Eigendynamik, die meinen Ehrgeiz weckte: Jetzt wollte ich es doch genauer wissen. Ende 2007 stellte die Zeitschrift „Castrum Peregrini“, von Frommel 1951 im Geist Stefan Georges gegründet und bis zum Ende der Magnetberg seiner Verehrung, nach 280 Heften ihr Erscheinen ein. Ohne Frommel und seine Zeitschrift – so schrieb ich damals – „wäre die eigentümliche Welt Stefan Georges, die Welt des ‚geheimen Deutschland’, nicht bis an die Schwelle des 21. Jahrhunderts präsent geblieben“, und fügte hinzu, daß das Frommelsche Lebenswerk noch um vieles staunenswerter sei, wenn man bedenke, daß er George wahrscheinlich nie begegnet ist. In den Augen der Nachlebenden hatte ich mich damit endgültig als Verräter erwiesen. Daß es hier nicht um Wahrheit oder Lüge ging, sondern um die Bedingungen einer Nachfolge, die ohne persönliche Legitimation durch den Stifter nicht glaubte auskommen zu können, und daß genau hier das geistige Abenteuer begann, überstieg die Vorstellungskraft der Orthodoxen.

In „Kreis ohne Meister“, seiner zwei Jahre später erschienenen Studie über das Nachleben Georges nahm Ulrich Raulff auf meine Ausführungen Bezug. Wegen des problematischen Quellenzugangs habe er auf ein Kapitel über Wolfgang Frommel und das „Castrum Peregrini“ verzichtet. Er könne allerdings nicht erkennen, daß eine Wirkungsgeschichte Georges ohne dieses Kapitel unvollständig sei, im Gegenteil. Raulff schien geradezu erleichtert, daß er sich mit den Amsterdamer Dunkelmännern nicht näher befassen mußte. Vor allem hätte ihn der Alleinvertretungsanspruch des „Castrum Peregrini“ gezwungen, Nachfolge – den zentralen, von ihm recht großzügig gehandhabten Begriff seines Buches – genauer zu definieren. Weil er hier im Ungefähren blieb, konnte er zahlreiche für das Nachleben Georges periphere Figuren in den Zeugenstand rufen, wie etwa den Prinzen Löwenstein, der durch köstliche Anekdoten zur Eroberung Helgolands freilich sehr zum Unterhaltungswert des Buches beitrug.

So weit, so gut, könnte man sagen, eine Georgesche Wirkungsgeschichte ohne Frommel ist eben eine Georgesche Wirkungsgeschichte, die einen ganz bestimmten, zunächst nicht näher bezeichneten Bereich ausklammert. Ein bißchen schade, wird der eine oder andere gedacht haben, aber schließlich haben es sich die Frommel-Erben selbst zuzuschreiben, daß sie noch restriktiver und selektiver mit den Akten umgehen als das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes. Schlägt man indes das Register des Raulffschen Buches auf, stellt man fest, daß der Name Frommel zu den am häufigsten genannten gehört, daß er genauso oft vorkommt wie der seiner beiden schärfsten Widersacher im Kampf um die George-Nachfolge: Edgar Salin und Ludwig Thormaehlen. Wie ein roter Faden zieht sich der Name durch das Buch. Das wirft dann doch Fragen auf.

Im George-Kreis der späten zwanziger und dreißiger Jahre galt Frommel als der Usurpator, der sich über geschickt eingefädelte Beziehungen Zugang zum Innersten verschaffen wollte, und entsprechend schlecht wurde über ihn gesprochen. Nach dem Krieg setzte sich diese Rivalität in den Diadochenkämpfen fort, die insbesondere zwischen Amsterdam und Genf, dem Wohnsitz des Erben Robert Boehringer, ausgetragen wurden. Während die meisten Freunde Georges in Frommels Augen zu bloßen Verwaltern mutiert waren, die sich längst in bürgerlichen Existenzen eingerichtet und damit dessen Ideale mehr oder minder verraten hatten, war er dem Auftrag des Dichters gefolgt: durch alle Fährnisse hindurch unverzagt nach jener Jugend Ausschau zu halten, die bereit war zur Aufnahme des dichterischen Wortes. Es ging in dieser Auseinandersetzung nicht darum, wer welche Texte veröffentlichen durfte, es ging um Grundsätzliches: um die Berechtigung der eigenen Existenz, die zugleich die Existenz des jeweils anderen verneinte. Dem Erben in Genf hätte es ziemlich gleichgültig sein können, was Frommel trieb, wäre ihm dies nicht wie ein schwerer Mißbrauch des Georgeschen Werkes vorgekommen.

Hier wiederholte sich ein Verdacht, dem George selbst ein Leben lang ausgesetzt war, der Verdacht, daß seine Gedichte immer auch als Werkzeuge dienten, schöne Jünglinge aufzuschließen. Weil sie in ihm eine Art photographisches Negativ erkannten, das an die flimmernden Seiten Georges erinnerte, die ihnen ja durchaus nicht verborgen geblieben waren, ist Frommel in den Briefen der George-Jünger als Scharlatan und böser Geist, als der leibhaftige Antichrist allgegenwärtig. Spätestens seit 1931, als der von ihm initiierte Gedichtband „Huldigung“ die Verehrung für George zum Programm erhob: „Es ist das erste Mal“, hieß es im Ankündigungsprospekt, „daß aus dem Lager der weiteren Jugend dichterisch eine Antwort auf den an sie ergangenen Ruf vernommen wird.“ Frommels Aktivitäten, nicht zuletzt viele der in dem von ihm geführten Runde-Verlag erschienenen Publikationen, brachten die Freunde Georges wiederholt in Verlegenheit. Frommel war der Stachel im Fleisch der Georgeaner.

Der ganze Haß gegen ihn entlud sich in einem elfseitigen Pamphlet des Kunsthistorikers Ludwig Thormaehlen vom Januar 1951. In Form eines Briefes an Robert Boehringer – der damals für sein George-Buch recherchierte – breitete Thormaehlen die „Vorgeschichte dieses tief unerfreulichen Ereignisses“ aus, das in seiner Wahrnehmung auf eine von Juden gesteuerte Verschwörung hinauslief (seinem Antisemitismus ließ Thormaehlen noch sechs Jahre nach Kriegsende erstaunlich freien Lauf). Der Hauptdrahtzieher sei Ernst Morwitz gewesen, der seine schützende Hand bedauerlicherweise auch über Percy Gothein gehalten habe. Obwohl der Meister „schwere Bedenken“ gegen Percy geäußert habe – dem Percy sei nicht zu helfen, habe er gewarnt: „Wenn es mir nicht gelingt, wie soll es Euch gelingen!“ –, sei Morwitz immer wieder für ihn eingetreten und habe ihn schließlich auch noch dazu angeregt, seine Erziehung durch George in Form eines autobiographischen Berichts festzuhalten.

1923, etwa um die gleiche Zeit, als ihn die Polizei in einem Münchner Hotel „mit einem jungen Kohlenträger beim Schlafen erwischt“ habe, sei Gothein in „die Hände und unter den Einfluß“ des Frommel geraten. Die beiden hätten bald überall ihre Spuren hinterlassen, kein Landschulheim sei vor ihnen sicher gewesen. Morwitz habe das immer nur „amüsant“ gefunden und die beiden in Schutz genommen: „’Die leben doch wenigstens’, sagte er.“ George jedoch habe „dieses Treiben und Getriebensein“ entschieden mißbilligt, „namentlich die Ambitionen und Usurpationen, Treibereien und Agitationen jener ‚Ehe-Hälfte’ des Perci, Helbing [d.i. Frommel]. ‚Dieser widerliche Pfaffe, dieser abscheuliche Pfaffe’ war die ständige Schmähung d[es] M[eister]s gegen diesen Burschen.“ Zwar konnte Thormaehlen eine gewisse Bewunderung für das Provokationspotential der Gruppe um Gothein und Frommel nicht verhehlen: „Sie verstanden es wunderbar zu dupieren.“ Aber am Ende habe doch alles nur der Tarnung gedient. Seine Empörung gipfelte in dem Satz: „Den wegen Päderastie festgesetzten Gothein als Opfer des 20. Juli hinzustellen und als Freund des Klaus [Stauffenberg] zu verkünden, ist eines der Bravourstücke dieser Bande.“

Im Juni 1923, wenige Wochen, nachdem sich Gothein und Frommel im Theologischen Seminar der Universität Heidelberg kennengelernt hatten, wollte Gothein dem Meister seinen neuen Freund vorstellen. Auf Seite 162 seiner Erinnerungen heißt es dazu: „Während der tage des noch unentschiedenen ringens, während es noch zweifelhaft war, ob ich Lothar [d.i. Wolfgang Frommel] gewinnen würde, kam der Meister in die stadt [d.i. Heidelberg] und fragte mich nach meinem tun. Als ich ihm nun vom neuen freunde erzählte, sagte er: ‚Mein kind, ich würde es sehr für dich wünschen, wenn dir jetzt endlich etwas gelänge!’ und dann war er meiner bitte nicht abgeneigt, daß ich ihn einmal zu ihm bringen dürfte.“

Das Erstaunliche nun ist, daß über den Besuch selbst kein einziger Satz fällt. Während Gothein sonst jedes noch so kurze Zusammensein mit George nutzt, um ausführlich jede Einzelheit zu schildern, und allem scheinbar Zufälligen eine höhere Bedeutung zu geben versteht, klafft hier eine auffällige Lücke. „Durch diesen besuch kamen wir ein großes stück auf unserer bahn vorwärts“, fährt der Text fort. Dann enden Gotheins Erinnerungen; auf den wenigen verbleibenden Seiten wird berichtet, wie der Lothar sich bemüht und es schließlich schafft, das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Nach der inneren Logik der Gotheinschen Memoiren konnte das Buch nur so enden: Der meisterliche Segen über seiner Freundschaft mit dem jungen Frommel sollte zum Zeichen des Neuen Bundes werden.

Zweifel sind angebracht. Zum einen war George im Juni 1923 bereits deutlich auf Distanz zu Gothein gegangen, zum anderen warfen die Erkundigungen, die er über Frommel eingezogen hatte, kein günstiges Licht auf den linksintellektuellen Schwärmer, der überdies – und das machte ihn in den Augen Georges vollends suspekt – aus einer Familie protestantischer Theologen stammte. Die Zweifel daran, daß Frommel vorgelassen wurde, wachsen, wenn man erfährt, daß er – möglicherweise noch im gleichen Jahr – versuchte, sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen. Der Dichter wohnte damals nicht mehr bei Gundolf, sondern bei Ernst Kantorowicz, der sich oberhalb des Schlosses in der Villa Schwartz am Wolfsbrunnenweg 12 eingemietet hatte. In einem Zeitungsartikel von 1954 – vermutlich aus der „Rhein-Neckar-Zeitung“ –, in dem manche Anekdote über die illustren Gäste dieser bekannten Pension erzählt wird, heißt es am Schluß, auch Stefan George habe die Abgeschiedenheit hier oben sehr geschätzt. Aber „wie konnte er sich den freundlichen Ovationen entziehen, wenn man, um ihn zu sehen, sogar durchs Küchenfenster in das Haus sprang!“ An den Rand dieses Artikels schrieb Wolfgang Frommel „= W.F.“ Die Pointe war weniger amüsant: Kantorowicz erwischte ihn und warf ihn unter Anwendung körperlicher Gewalt hinaus.

Einige Jahre später ist es Frommel mit Hilfe von Ernst Morwitz dann doch noch gelungen, den Meister einmal kurz aus der Nähe zu sehen. Das war schon in Berlin, Regensburger Straße. Morwitz erwartete den Besuch Georges und richtete es Frommel zuliebe so ein, daß dieser scheinbar gerade im Aufbruch begriffen war, als der Meister klingelte. George nahm diesen Versuch, ihn zu überlisten, wohl ziemlich übel. (35 Jahre zuvor hatte er mit Ida Coblenz gebrochen, weil diese versucht hatte, unter der Portiere ihres Zimmers eine „zufällige Begegnung“ mit dem von ihm verachteten Richard Dehmel herbeizuführen.)

Das entscheidende Dokument, aus dem abgeleitet werden kann, daß Frommel nicht vorgelassen wurde, ist sein Brief vom 13. März 1926, der einzige überlieferte Brief Frommels an George. Man darf ihn nicht zitieren – das hat der Frommel-Erbe Manuel Goldschmidt vor Jahren unter Androhung gerichtlicher Schritte anwaltlich untersagen lassen. Am 5. November 2010 las ich ihn auf einem Vortrag in Heidelberg vollständig vor: „Ewig verehrter Meister…“ Das Publikum war entsetzt. Ein nicht mehr ganz junger Mensch, völlig überspannt, von einer gestelzten, heute nicht mehr nachvollziehbaren Unterwürfigkeit, schien keinen anderen Wunsch zu kennen, als vom Meister für sein unbotmäßiges Verhalten – er hatte wieder einmal vergeblich versucht, zu ihm vorzudringen – bestraft zu werden. Dabei habe er doch gar nichts für sich selbst erhofft, sondern nur für seinen Freund Percy, über den der Meister zu Unrecht eine so schlechte Meinung habe, denn alle Schuld liege einzig bei ihm, Frommel. Die Vergeblichkeit spricht aus jeder Zeile: So wie dieser Bittsteller es mit Sicherheit nicht mehr schaffen wird, empfangen zu werden, so deutet andererseits keine einzige Formulierung darauf hin, daß er jemals empfangen worden war. Denn wann, wenn nicht jetzt, hätte er den Meister daran erinnern müssen?

Nach dem Krieg wurden die Karten neu gemischt. Während sich der Kreis nach Georges Tod in alle Himmelsrichtungen zerstreut hatte, war Frommel im Amsterdamer Untergrund eine neue Konzentration und Verjüngung aus dem Geist der Dichtung gelungen. In diesen Jahren scheint, angeregt wohl nicht zuletzt durch das beharrliche Nachfragen seiner holländischen Freunde, die Idee entstanden zu sein, die Lücke in den Gotheinschen Erinnerungen zu schließen und sich durch Schilderung der Begegnung mit George nachträglich legitimieren zu lassen. „Der Dichter. Ein Bericht“, im Herbst 1950 in kleinster Auflage als Handpressendruck erschienen und an die engsten Freunde verteilt, wurde gleichsam zum Gründungsdokument des zweiten, des Frommelschen Freundeskreises.

Am Schluß des Dichterberichts griff Frommel ein Bild auf, das schon Gothein ein Vierteljahrhundert zuvor verwendet hatte. Als Frommel nach dem gemeinsamen Besuch nach Hause gekommen sei, habe der Vater eine merkwürdige Veränderung an seinem Sohn festgestellt und dies mit der Bemerkung quittiert: „Heute ist mir mein ältester Sohn gestorben.“ Übertragen hieß das: Die väterliche Welt, die Welt des beruflichen Fortkommens und der Sorge um den Nachwuchs, hatte der Initiierte an diesem Tag endgültig hinter sich gelassen. Und wie mit dieser Botschaft das Erinnerungswerk Gotheins endete, in dem genau dieser Prozeß der Emanzipation und Loslösung aus der bürgerlichen Welt beschrieben wurde, so endete auch Frommels eigener Bericht – mit dem Dante-Zitat „Incipit vita nova“.

Freunde, die Frommel aus der Zeit vor dem Krieg kannten, wunderten sich nicht wenig, daß er ihnen nie von seinem Besuch bei George erzählt hatte. Im Kreis um Morwitz scheint zwar bekannt gewesen zu sein, daß es zu keiner Begegnung gekommen war, aber Morwitz schwieg sibyllinisch. Um ihn einzubinden, hatte Frommel die kleine Schrift niemand anderem gewidmet als ihm, dem „nächsten Liebsten“ Georges: „Dem großen Ernst / 1933 – 1950 / ‚… Wenn aufrecht bleibt im wind / Von unsrem stamm die unverbrochne treue!’“ Jüngeren Freunden hatte Frommel allerdings noch 1933 zu verstehen gegeben, daß er Zugang zum Meister habe. Wenn er sich tüchtig anstrenge, so erfuhr der vierzehnjähige F. W. Buri im Herbst dieses Jahres, bestehe die Hoffnung, ihn „eines Tages zum Meister bringen zu können“. Er sei ziemlich erleichtert gewesen, schrieb Buri in seinen 2009 postum erschienenen Erinnerungen, als er wenig später hörte, daß der Meister in der Schweiz gestorben sei.

Nach dem Krieg wurde der Dichterbericht zu einem zentralen Text, den keiner je in Frage stellte. Die Aura von Gotheins Aufzeichnungen, von 1951 an im „Castrum Peregrini“ in Auszügen publiziert, erlangte er allerdings nie. Dafür war Frommels Prosa zu literarisch, zu glatt, mit zu vielen Versatzstücken behaftet. Seinen eigentlichen Zweck aber erfüllte der Dichterbericht bis zum Ende: die ungebrochene Kontinuität der geistigen Überlieferung zu beurkunden. Denn auch wenn Frommel nur ein einziges Mal bei George gewesen war, so hatte er doch durch seinen lebenslangen Einsatz für das Werk des Dichters, insbesondere durch seine unermüdliche Suche nach immer neuen Schönen, das ihm bei dieser Begegnung zum Ausdruck gebrachte Vertrauen gerechtfertigt. Er hatte das Erbe fortgeführt. „Bei uns geht es weiter“, lautete die Losung der Amsterdamer Gemeinschaft, die für alle Alt-Georgeaner wie eine freche Kampfansage geklungen haben muß.

Damit komme ich zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was ist Nachfolge? „Eines müssen Sie wissen, Frommel“ – so der Kronzeuge Ernst Morwitz nach Frommels eigener Aussage – „was Sie hier mit Ihren Amsterdamer Freunden machen, hat mit dem, was der Dichter machte, gar nichts zu tun.“ Frommel hat dieses auf den ersten Blick vernichtende Diktum gern und mit einem gewissen Stolz kolportiert. Tatsächlich hat er ja bei aller Stilisierung und trotz der teilweise recht kuriosen Bemühungen, sich wie George fotografieren zu lassen, sich wie George zu kleiden, die Punkte zu setzen wie er, den Dichter keineswegs imitiert. Er war kein Schauspieler. Er war Dramaturg. Er hat den Stoff, den er vorfand, genommen und ihn sich und seinen speziellen Interessen so gründlich anverwandelt, daß daraus etwas Neues entstand.

Da, wo für die Orthodoxen der Spaß aufhört, fängt das eigentliche Fragen erst an. Ob Frommel im Juni 1923 Stefan George tatsächlich vorgestellt wurde oder nicht: Fest steht, daß er bis zu Georges Tod im Dezember 1933 an seiner unstillbaren Sehnsucht nach der alles entscheidenden Begegnung mit dem Meister unendlich litt. Später hat er sein ganzes Leben so ausgerichtet, als hätte diese Begegnung stattgefunden, oder im übertragenen Sinn, als sei er von George akzeptiert worden. Denn darum drehte es sich ja: Daß er von George als einer, der dazugehörte, akzeptiert werden wollte. Weil es dazu nicht kam, weil ihm dieses eine entscheidende Zeugnis fehlte, wurde er in seiner Not umso produktiver. Die nachträgliche Beglaubigung seines Tuns durch George ergab sich dann irgendwann wie von selbst. Frommel brauchte eigentlich gar nicht mehr viel zu erfinden, um die Begegnung von 1923 doch noch stattfinden zu lassen.

Durch George legitimiert zu sein, entsprach Frommels gewachsenem Selbstverständnis. Andererseits unterstreicht seine Erfindung der Begegnung, wie wichtig es für ihn war, sich von ihm herleiten zu können. Aber je authentischer Frommel auftrat, desto mehr fühlten sich die einstigen Tischgenossen Georges bedroht. Die Verleumdung folgte auf dem Fuß. Soziologisch gesprochen, in der Terminologie Max Webers, haben wir es hier mit dem Auseinandertreten von „Tradition“ und „Charisma“ zu tun. Während sich die Gralshüter um Boehringer auf das Wort Georges als oberstes Gesetz beriefen – autos epha, er selbst hat es gesagt –, hielt sich Frommel immer die Option offen, zu fragen, was George wohl zu diesem oder jenem gesagt hätte. Irgendwann war er so tief in den Georgeschen Kosmos eingedrungen, daß zwischen Original und Kopie nicht mehr zu unterscheiden war, daß die Grenze zwischen ihm und George verschwamm, seine und die Autorität Georges ein und dieselbe wurden. Indem er so an die Stelle Georges rückte, zugleich aber dafür sorgte, daß bei den Zusammenkünften des Freundeskreises immer ein leerer Stuhl für den Meister blieb, wurde er für seine Freunde zum Träger des Charisma.

Daß Frommel umso authentischer wirkte, je näher er George kam, je mehr er eine Einheit mit seinem Meister zu bilden schien, erscheint nur auf den ersten Blick paradox. Denn am Ende verfolgten beide ein und dasselbe Ziel: In einer sich auflösenden, entleerten Welt das Feuer der Überlieferung am Brennen zu halten und die jungen Männer, die man sich als Gehilfen erkor, selber zum Glühen zu bringen, „wandelnde Öfen“ aus ihnen zu machen, wie Friedrich Gundolf einmal schrieb, die sich freuten, „Brennstoff zu sein für die höhere Flamme“. Weil er sich in diesem Punkt ganz und gar eins wußte mit seinem Meister, war Wolfgang Frommel am Ende beides: legitimer Erbe und Meister mit eigenem Kreis.

Untergetaucht um aufzutauchen

Die Erinnerungen Buris

an seine Zeit im Versteck,

Amsterdam, Herengracht 401

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Am 15. Oktober 1944 wird während einer Razzia der dritte und vierte Stock an der Herengracht 401 in Amsterdam von der ´grünen Polizei´ durchsucht. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich um Verrat handelt. Als der Offizier mit seinen Schergen die Wohnung auf der dritten Etage betritt, sitzen dort am Esstisch Gisèle van Waterschoot van der Gracht, Wolfgang Frommel, Claus Victor Bock, Reinout Vreijling. Auf dem Tisch liegt ein Band mit Nietzsche-Aphorismen, aus denen Wolfgang gerade anlässlich von Nietzsches Geburtstag vorgelesen hatte. Hätte der Offizier gezählt, hätte er einen überflüssigen Stuhl entdeckt, dessen Kissen wohl noch warm war. Hätten die Schergen Hunde bei sich gehabt, hätten sie  das Klavier angebellt. Darin kauerte Buri, der kurz zuvor noch am Tisch saß, einer von drei permanenten Untertauchern des Hauses Herengracht 401, das im Untergrund unter dem Decknamen Castrum Peregrini bekannt war. Die Runde war so überrascht vom Überfall der Polizei, dass Claus, Untertaucher Nummer 2, es nicht mehr rechtzeitig in sein eine Etage höher gelegenes Versteck schaffte, wo zu diesem Zeitpunkt Untertaucher Nummer 3, Guido Theunissen, sicher verborgen war. Claus hätte zum Verschwinden nicht einmal das Treppenhaus benutzen müssen, er wäre binnen weniger Sekunden mittels einer geheimen Leiter im Einbauschrank durch eine Luke geschlüpft. Auf wunderbare Weise wird keiner der drei Untertaucher und der anderen Anwesenden verhaftet. Die Rettung wird den charismatischen, gar magischen Fähigkeiten Wolfgang Frommels zugeschrieben.

Dies wissen wir aus Augenzeugenberichten, aus den 1982 erschienen Erinnerungen von Claus Victor Bock (Untergetaucht Unter Freunden. Ein Bericht. Amsterdam 1942-45, Castrum Peregrini Presse in mehreren Auflagen) und aus dem gerade 2009 posthum erschienenen Ich gab Dir die Fackel im Sprunge, W.F. Ein Erinnerungsbericht von Friedrich W. Buri, herausgegeben von Stephan C. Bischof, Verlag für Berlin Brandenburg, 2009.

Stephan Bischof hat als Erbe der Schriften Buris das Werk sorgfältig herausgegeben und mit einem Nachwort sowie einem Personenregister versehen. Aus dem Nachwort erfahren wir, dass der Erinnerungsbericht in den Jahren 1986 bis 1993 entstand. Es sind Erinnerungen Buris an sein eigenes Leben, im besonderen an die Beziehung zu seinem Erzieher, Lebensretter und Dichterfreund Wolfgang Frommel und an Gisèle, in deren Wohnung er im Versteck lebte und mit der ihn ein inniges, wenn auch problematisches Liebesverhältnis verband. Der Bericht endet unmittelbar nach dem II. Weltkrieg, als sich die Wege der Untertauchergemeinschaft vorerst trennten.

Adolf Friedrich Wongtschowski, genannt Buri, wird 1919 in Mainz als Sohn deutsch-jüdischer Eltern geboren und wächst in Frankfurt am Main auf. 1933 begegnet er dort während seiner Malerlehre Wolfgang Frommel, der damals beim Südwestrundfunk die Abteilung Wort leitete, schriftstellerisch tätig war und einen Freundeskreis im Geiste Stefan Georges unterhielt. Die Freundschaft mit Frommel bewegt Buri dazu, trotz des wachsenden politischen Drucks, nicht mit seiner Familie nach Brasilien auszuwandern. Als die Situation in Deutschland schliesslich für den Juden Buri zu gefährlich wird, besorgt Frommel ihm eine Ausreisegenehmigung nach Holland und dort ein Auskommen zuerst in Bilthoven, später auf der Qakerschule Eerde bei Ommen. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutsche Wehrmacht im Mai 1940 zieht Buri in das Haus des Malerehepaares Charles und Karin Eyck in Limburg. Dies erste Versteck wird ihm vermittelt von der Malerin Gisele van Waterschoot van der Gracht, die den inzwischen ebenfalls emigrierten Wolfgang Frommel in Bergen Noord Holland kennen gelernt hat. Als 1942 mit der systematischen Verfolgung und Deportation aller Juden in den Niederlanden begonnen wird, erscheint das Haus der Eycks nicht mehr sicher genug. Gisele stellt Wolfgang Frommel ihre kleine Wohnung an der Amsterdamer Herengracht zur Verfügung und mit ihm den Untertauchern Buri und Claus. Zusammen mit dem Schreinermeister und Orgelbauer Guido Theunissen, der selbst untertauchen muss, werden Versteckplätze, geheime Kommunikationssysteme und Fluchtwege gezimmert.

Untergetaucht unter Freunden: links unten Buri, rechts von ihm Wolfgang FrommelDie Geschichte der Kriegsjahre liest sich wie ein wunderbares Märchen. Gisèle und Wolfgang schaffen im geheimen einen Lebensraum, der den Bedrohungen der Aussenwelt eine lebensbejahende, künstlerisch inspirierte, geheime Freundesgemeinschaft entgegensetzt. Der bekannte Bericht von Claus Victor Bock hat davon ein eindrückliches Bild gezeichnet. Bock hat in seinen gedruckten Erinnerungen das Erlebte bereits zu einem nüchternen, beinahe monolithischen ‚Bericht’ verarbeitet, sprachlich geschliffen und stilisiert. Buri dagegen schreibt seine Erinnerungen mit  ungeübter Feder, beinahe naiv. Manche  komplexe Schachtelsätze in ‚hohem Ton’ lassen jedoch die Schulung durch Frommel in den Kriegsjahren erkennen. Die Erzählung gibt ein unmittelbares Bild vom Miteinander im Versteck, den täglichen Sorgen der Nahrungsbeschaffung, den psychischen Spannungen, der kontemplativen Konzentration beim Dichten, Auswendiglernen, Abschreiben, dem nächtlichen Diktat und dem sozialen Umfeld der Untertaucher. Ja, auch das war ein Kunststück, das vor allem Wolfgang und Gisele zuzuschreiben ist: in der Bedrohung wuchs der Freundeskreis der Eingeweihten, der Freunde, der Komplizen, der Helfer.

Die Produktivität ist auffallend, das ständige Schreiben, Diktieren, Lesen, Zeichnen, das Ringen mit und um erwachende Liebe. Bei allen begreiflichen Spannungen und Nöten ist es beinahe nicht vorzustellen, wie immer die Interessen der Gemeinschaft über denen des Einzelnen standen. Lesenswert macht diese Erinnerungen die Unmittelbarkeit der Erzählung, die Verletzlichkeit, mit der der Autor sich vor dem Leser bloßlegt. Wo Claus Victor Bock selbst die Gefahr, die Bedrohung und das Scheitern stilisiert, da lässt Buri tatsächlich Verzweiflung fühlen. Sein Ringen um seine persönliche Freiheit von Frommel ist eindrücklich, beklemmend, auch in der ungebremsten Selbstbespiegelung. Wo Claus Victor Bock versucht, die Gesamtsituation zu beleuchten, objektiv zu sein, geht Buri immer von seiner eigenen subjektiven Erfahrung aus. Sie ist aufschlussreich für das Verständnis eines Kreises mit charismatischem Führer. Bei aller sprachlichen Schwerfälligkeit, bei allen Störgeräuschen eines ‚Egos’, das gewöhnt war, Primus Inter Pares zu sein: ein einzigartiger Lebenslauf, der die Keimzelle von Castrum Peregrini, das Leben um und mit Wolfgang und Gisèle im Versteck Herengracht 401 lebendig werden lässt und der in der Erinnerungsliteratur einen zentralen Ort einnehmen wird.

Het fort van blikken

Deze bijdrage ontving ik van Henk van der Waal

4-groepsfoto

“Een foto spreekt door te zwijgen. Een foto laat iets zien, maar bewaart dat wat ze laat zien tegelijk diep in de voren die ze met het licht heeft getrokken. Een enkele foto, zoals de bovenstaande, doet daar nog een schepje bovenop. Zonder lang te kijken zie je hoe in dit papiertje met zilverbromide een tijdperk is geëtst, hoe drama en hoop een vreemde verbinding zijn aangegaan. Voor een deel is dat op het conto te schrijven van het zwart, het wit en het grijs, voor een ander deel op dat van de kleding en de langgelokte haardracht van degenen die zijn afgebeeld. Maar er is meer. Er zijn de blikken, die onzichtbare lijnen van het verleden de toekomst in trekken. Er zijn de blikken die in stilte een getuigenis afleggen. Er zijn de blikken die krachtig, maar ook teder en verlegen toekomst in de ogen van de ander kijken. Blikken waarvan kwetsbaarheid hoop is. Blikken die een fort van vriendschap weven en midden vanaf de achterste rij ook ons daarbij betrekken.”

Henk van der Waal zal tijdens de Aura salon op 11 juni 2009 spreken over het bovenstaande foto van de onderduikers met op de voorgrond in het midden links Wolfgang Frommel en rechts Percy Gothein.

Met een korreltje zout

cimg3407Dit is het zoutvat en de pepermolen op de keukentafel van Castrum Peregrini. Sinds ik op de Herengracht kom (dat was voor het eerst eind 1999) staan ze daar en ik ben ervan overtuigd dat generaties voor mij hetzelfde zullen zeggen. Ik ben dol op die twee. Niet dat ik ze vaak gebruik. Maar zout en peper zijn sterke symbolen, de twee voorwerpen dragen een verhaal en ze staan gewoonweg mooi op die tafel (natuurlijk is de tafel ook een lemma waard, dat komt later wel eens). Zout is het symbool van zuivering en reiniging. In de bijbel geldt het zout als symbool van de verbinding tussen God en zijn volk. Peper is al bekend uit oude Indiase geschriften in het Sanskriet, waar het “pipali” genoemd werd. Via Perzië kwam het pepergebruik bij de oude Grieken terecht. De Romeinen noemden peper “piper”, waar ons woord peper direct van afstamt. Peper werd door de Arabieren in Europa ingevoerd. Het monopolie voor de peperhandel lag tot het eind van de 15e eeuw bij de Italiaanse handelssteden Venetië, Genua, Pisa en Florence. De VOC is onder andere ontstaan vanuit de behoefte van de Nederlanders om zelf peper te halen uit de wingewesten.

Terug naar ons zoutvaatje en de pepermolen. Op de pepermolen staat: W.F. 8.7.1982 gegraveerd. W.F. staat voor Wolfgang Frommel en op acht juli is zijn verjaardag. Hij was geboren in 1902, dus in 1982 werd hij 80 jaar oud. Hij stierf vier jaar later in 1986. Zou hij één van die types geweest zijn die bij ieder maaltijd meteen zout en peper eroverheen strooien voor ze proeven? Het zou bij hem passen, hij hield van pittig begrijp ik. Volgens mijn weten is de pepermolen een cadeau van William Hilsley, genoemd Billy, een van Wolfgangs eerste en oudste vrienden, nog uit zijn tijd in Berlijn. Wij hebben onlangs een hele briefwisseling tussen die twee in de nalatenschap van Claus Victor Bock gevonden. Er werd jarenlang beweerd dat die briefwisseling in de oorlog verloren was gegaan. Dat ze nu toch plotseling opduikt is een van de velen paradoxen van dit huis. (Lees meer over Billy, in William Hilsley, Musik hinterm Stacheldraht, Tagebuch eines internierten Musikers, 1940-1945, Berlin 2000).

Maar dan is er ook nog het zoutvat. Ik zou willen wedden dat dat uit Schloss Hainfeld in Oostenrijk stamt, het familiekasteel van Gisèle’s moeder. Gisèle zegt dat ze twee van die vaatjes herinnert uit haar jeugd, maar niet meer precies hoe het ene hier is gekomen of hoe het andere is verdwenen. cimg3083Het zou ook van haar vaders familie kunnen stammen, maar, zoals ze zelf zegt: “het ziet er helemaal niet Nederlands uit…”. Het is van tin en misschien uit de 17de eeuw. Een kleine 5 cm hoog met een doorsnede van 3 cm. Je moet de deksel opnemen en tussen twee vingers wat zout pakken en op je eten strooien. De dingen met een korreltje zout nemen is iets wat ik op de Herengracht heb geleerd. Ik ken weinig plekken waar zo veel en zo hard wordt gelachen als aan deze keukentafel, rond dit zout- en pepersetje. Het gaat er pittig en uitdagend aan toe en dat is dan vooral een teken van genegenheid. Alleen thema’s en mensen die echt raken zijn onderwerp van vermaak. Iedereen zal dat herkennen. Misschien weet iemand nog het fijne van de twee omschreven voorwerpen, hoe het echt in elkaar zit. Ik ben benieuwd!