Der letzte Jünger Stefan Georges

Der letzte Jünger

Stefan Georges

Zum Tod von Manuel Goldschmidt. Von Tilman Krause.

Dieser Artikel erschien in Die Welt am 9. März 2012

Er war wirklich der Letzte. Manuel Goldschmidt, der vorgestern in einem Utrechter Pflegeheim mit 85 Jahren zu atmen aufgehört hat, schließt ein Kapitel deutscher Geschichte, deren Protagonisten in den letzten Jahren durch ihr Abtreten bei den Nachgeborenen immer die nämlichen Gefühle auslösten. Erstaunen, dass es sie noch gab, bei denen, die ihnen nicht nahestanden. Dankbarkeit bei jenen, die durch die Begegnung mit ihnen zumindest noch einen Hauch dessen verspüren durften, was das einmal war: die deutsch-jüdische Symbiose.

Manuel Goldschmidt; foto Jeannine Govaers
Manuel Goldschmidt; foto Jeannine Govaers

Denn aus dem Gefühl dazuzugehören, Teil der deutschen Gesellschaft und Kultur zu sein, waren sie alle brutal herausgerissen worden: der Arzt und Schriftsteller Hans Keilson – unvergessen sein bewegender Auftritt 2008 bei der Entgegennahme des “Welt”-Literaturpreises als 98-Jähriger in Berlin, dem danach sogar noch ein staunenswerter Altersruhm in den USA beschert war. Er war 1936 nach Holland gegangen. Im letzten Jahr starb er, 101 Jahre alt. Claus Viktor Bock, Germanist und verdienstvoller Verfasser des Buches “Untergetaucht unter Freunden”, ebenfalls in die Niederlande geflohen, ist schon ein wenig länger tot: Er starb 2008 im Alter von 81 Jahren in Amsterdam. Und nun sein langjähriger  Lebenspartner, der Dichter und Publizist Manuel Goldschmidt. Rund 40 Jahre lang hat er die Zeitschrift “Castrum Peregrini”
herausgegeben, jenes inzwischen legendäre letzte Periodikum, das den Geist und die Lebensthemen des Dichters Stefan George (1868 bis 1933) wach hielt. Denn: “Wer je die Flamme umschritt, bleibe der Flamme Trabant!”

So tat Goldschmidt, den seine assimilierten Eltern auf den urpreußischen Namen “Fritz” getauft hatten. Als solcher kam er am 8. Oktober 1926 in Berlin zur Welt. Er verließ Deutschland 1937. In Holland nahm ihn dieselbe Quäkerschule auf, in die sich auch Bock gerettet hatte. Für beide erwies sich der Kontakt zu Wolfgang Frommel (1902 bis 1986) als lebensbestimmend. Der ehemalige Rundfunkmann und Georgianer vermittelte den “Untertauchern” jene “Pilgerburg” an der Amsterdamer Herengracht als Asyl, die heute noch von ihrer Besitzerin, der nunmehr 99 Jahre alten Gisèle Waterschoot van der Gracht bewohnt wird. Als die Deutschen endlich das Land geräumt hatten, band Frommel sie dann in sein
Redaktionsteam ein. Man blieb im “Castrum” beisammen und schuf dort ein geistiges Zentrum, das nicht nur den “Kreis ohne Meister”, wie
das epochale Buch von Ulrich Raulff überschrieben ist, aufrechterhielt. Das “Castrum” bildete auch einen Sammelpunkt für die jüdischen
Emigranten. Hier pflegten sie ihre Erinnerungen und setzten ein “geheimes Deutschland” aus der Zeit vor der Schoah auf ebenso diskrete wie
energische Weise fort.

Diskret und energisch zugleich: So darf man wohl auch das Charakterprofil Manuel Goldschmidts bezeichnen. Der gelernte Innenarchitekt, zunächst “dem Herzen Frommels am nächsten”, wuchs schon bald in die Rolle des operativen Zeitschriftenmachers hinein. Er drückte dem Blatt seinen Stempel auf. Als er die “Schriftleitung”, wie man an der Herengracht noch sagte, Mitte der Neunzigerjahre abgab, verfiel die Zeitschrift in Diadochenkämpfen, von denen sie sich nicht mehr erholt hat. 2008 wurde sie nach 56 Jahrgängen eingestellt.

Sie war ein Generationenprojekt gewesen. Sie hatte gekündet vom Überlebenswillen und vom Lebensbewältigungselan einer Gruppe von Menschen, die sich dem Geist der Freundschaft und der Vermittlung spiritueller Werte verschrieben hatten. Bangemachen galt nicht – so wenig wie Dekonstruieren, Demystifizieren und was an geistigen Strömungen sonst noch kam. Man hielt sich an Grillparzer: “Will meine Zeit mich bestreiten, ich lasse es ruhig gescheh’n. Ich komme aus anderen Zeiten und hoffe in andere zu geh’n.” Als letzter Unzeitgemäßer dieses Schlages ist nun auch Manuel Goldschmidt gegangen.