Kreis ohne Meister

Wolfgang Frommel, de oprichter van Castrum Peregrini, heeft Stefan George waarschijnlijk nooit ontmoet. Toch heeft hij zijn leven in de dienst gesteld van zijn gedachtengoed en dichtkunst. Daar is zijn vriendschap met Percy Gothein, lid van ‘Der Georgekreis’, zeker debet aan, maar ongetwijfeld ook de dichtkunst, de Aura en het mythische wereldbeeld van George, dat bij Frommels eigen wezen paste.

Op die manier stond George ook centraal bij de groep onderduikers rond Gisèle en Wolfgang Frommel op Herengracht 401 en heeft George tot in het recente verleden een belangrijke rol in het leven van de Castrum Peregrini vrienden gespeeld. Castrum Peregrini was maar één van een handvol groeperingen in de hele wereld waarin George ook na zijn dood verder ‘leefde’.

Aan dit ‘naleven’ heeft Ulrich Raulff, voormalig chef cultuur van de Frankfurter Allgemeine Zeitung en Süddeutsche Zeitung, nu directeur van het Deutsche Literaturarchiv und Schillernationalmuseum in Marbach, een imposant boek gewijd, getitelt ‘Kreis ohne Meister. Das Nachleben Stefan Georges’. Raulff begint waar Thomas Karlauf met zijn biografie ´Stefan George. Die Entdeckung des Charisma´eindigt: met de dood van Stefan George in 1933 en de aanslag op Hitler door Stauffenberg. In het ‘Nachleben’ kom je niet om Castrum Peregrini heen en Ulrich Raulff vermeldt niet zonder kritiek de rol van Wolfgang Frommel en Manuel Goldschmidt. Wij verheugen ons het gesprek met Ulrich Raulff aan te kunnen gaan tijdens de Stefan George Redux op 10 december bij Castrum Peregrini.

Met dank aan Manfred Koch, Professor voor duitse literatuur in Basel, publiceren wij in het vervolg zijn recensie van ‘Kreis ohne Meister’, eerder gepubliceerd in Stefan George Jahrbuch, Bingen 2010.

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Die Apostel des toten Dichters

Ulrich Raulffs grandiose Erzählung vom Zerfall des George-Kreises

Wenige Monate nach dem Tod Stefan Georges am 4. Dez. 1933 hat sein Erbe und Nachlassverwalter Robert Boehringer eine traurige Vision. „In der vorletzten Nacht träumte ich der Meister lebe und ich war glücklich, dass wir ihn über unsere Sorgen befragen konnten. Aber er wollte nichts davon wissen.“ Den Jüngern Christi war laut Matthäus-Evangelium der Auferstandene erschienen und hatte ihnen seinen Beistand für ihr Missionswerk zugesichert: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Einen ähnlichen Trost hätte sich wohl auch Boehringer, der Petrus unter den George-Aposteln, von seinem nächtlichen Besucher gewünscht. Doch der Meister weist ihn ab – ein Schreckbild, das, wie unschwer zu erkennen ist, dem traumatischen Verlassenheitsgefühl des Träumenden entspringt. Selbst dieser treueste George-Anhänger ahnte insgeheim, dass mit dem Abgang des Dichtergottes auch die auf ihn gegründete Kunstreligion zum Untergang verurteilt sein würde.

So kam es denn auch. Es handelte sich allerdings um einen fulminanten (und insofern georgewürdigen) Untergang von langer Dauer und enormer historischer Tragweite. Denn die Gemeinde verlief sich ja nicht einfach, ihre Religion erlosch nicht umstandslos mit dem Verlust des spirituellen Zentrums. Vielmehr entbrannte ein mehr als dreissigjähriger Kampf um Georges Erbe, der – folgt man der glänzenden Darstellung, die Ulrich Raulff ihm jetzt gewidmet hat – eines der aufregendsten Kapitel der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts bildet. Verfeindete Gruppen von Georgeanern versuchten sich an dem schwierigen Projekt der Bewahrung und wirkungsvollen Weitergabe eines Charisma, dessen Träger nicht mehr zur Verfügung stand. Was sie zuletzt erreichten, war das genaue Gegenteil: „Auf paradoxe Weise hat der Gedächtniskult, den George und die Seinen schon zu Lebzeiten des Meisters praktizierten und der nach dessen Tod zum gemeinsamen Verhaltensmuster werden sollte, am Ende zur fast vollständigen Auslöschung der Erinnerung geführt – jedenfalls jenseits der Anthologien, der Berufsgermanistik und kleiner, verschworener Kreise von Anhängern und Kindern von solchen.“ Das ist nach Raulff definitiv seit 1968 der Fall.

Am Anfang des Endes stand ein verhängnisvolles Taktieren des Meisters selbst. George wich den wachsenden Spannungen zwischen NS-Sympathisanten und Juden im Kreis durch Tabuisierung der Aktualität aus. Das vollkommene Schweigen zum tagespolitischen Geschehen sollte die Einheit der Gemeinde sichern. Festlegen liess er sich nicht. Sein Reich war nicht von dieser Welt, sollte aber doch, wie die messianische Rhetorik nahelegte, irgendwie über sie kommen; daraus durfte jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Dank der Unbestimmtheit von Georges „Zwei-Reiche-Lehre“ konnten sich nach seinem Tod Völkische und Regimegegner gleichermassen auf ihn berufen. Das führte zu den bekannten Erstarrungen der George-Bewertung nach 1945: „rituelle Austreibung“ vs. „zwanghafte Rettung“, wie Raulff es nennt. Bis heute steht dem stereotypen Vorwurf „Wegbereiter des Faschismus“ der ebenso stereotype Verweis auf die geistige George-Kindschaft des Hitler-Attentäters Claus von Stauffenberg gegenüber.

„Man wird sehr skeptisch gegenüber der Wünschbarkeit eines Nachlebens des ‚Kreises’“, notiert der Historiker Ernst Kantorowicz, einer der begabtesten George-Jünger, 1951 im kalifornischen Exil. „Nachleben“ meint hier, wie im Untertitel von Raulffs Buch, die Kontinuität einer Lebensform. George blieb für die Ausgewanderten wie für die in Deutschland Verbliebenen ein Dichter, der nicht einfach gelesen, sondern liturgisch begangen wurde, in Gedächtnisfeiern, in denen die Beteiligten sein Wort, sein Bild, seine Reliquien gleich Sakramenten empfingen, um bis in die Niederungen des Alltags hinein ihr Leben daran auszurichten. Nur gab es jetzt, nach der Zersprengung des Kreises durch Nationalsozialismus und Krieg, über Europa und Amerika verstreute Kolonien, die emsig George-Gedächtnisbücher produzierten, um sich als die wahren Erben zu empfehlen. Was Kantorowicz abstiess, war die „versteinerte Orthodoxie“ der meisten dieser Zirkel. Er selbst schwor jedoch, wie Raulff in einem der eindrucksvollsten Kapitel zeigt, George nicht einfach ab, sondern wurde zum reflektierten Georgeaner. Seinen früheren Glauben an die Heiligkeit eines Künstlerstaats machte er zum ideengeschichtlichen Forschungsprojekt. Kantorowicz’ Spätwerk kreist um die Frage, wie auch in der Moderne die Staatsgewalt durch „die Anwendung theologischer Sprache auf weltliche Institutionen“ den Anschein von Göttlichkeit gewinnen konnte: „Von Christus zu Fiscus“.

Und dennoch konnten Georgeaner noch einiges bewegen. Der Kreis war ja nie ein reiner Dichterzirkel gewesen, sondern immer ein Orden von „geistigen Menschen“, die in den verschiedensten Bereichen – Wissenschaft, Kunst, Politik, Militär, Justiz, Industrie, Erziehungswesen – arbeiteten und dabei über ihre jeweiligen Netzwerke beträchtlichen gesellschaftlichen Einfluss ausüben konnten. Solche Beziehungsgeflechte führt Raulff derart akribisch und zugleich spannend vor, dass man sich bisweilen bei der Lektüre eines Geheimbundromans wähnt. Wer weiss schon, dass Robert Kempner, der Anklagevertreter bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, der Bruder von Georges Leibarzt Walter Kempner war, der es in den USA durch Erfindung einer Reisdiät zum reichen Mann gebracht hatte? Zu den Nürnberger Angeklagten  gehörte auch der den Georgeanern in den dreissiger Jahren freundschaftlich verbundene Diplomat Ernst von Weizsäcker, dessen Verteidigung wiederum, neben seinem eigenen Sohn Richard, der Sohn eines anderen georgebegeisterten Politikers übernahm: Hellmut Becker, Sprössling des ehemaligen preussischen Kultusministers Carl Heinrich Becker. In den langwierigen Prozessen um Weizsäckers Verurteilung und Begnadigung wirkte Robert Boehringer im Hintergrund als Beckers mächtiger Anwaltsgehilfe, der durch rege Korrespondenz für publizistische und materielle Unterstützung sorgte. Wer die Namen derer hört, die sich damals für Weizsäcker einsetzten, erhält einen Eindruck vom Fortbestehen georgeanischer Netzwerke bis weit in die Frühgeschichte der Bundesrepublik hinein: Margret Boveri, Marion Gräfin Dönhoff, Hartmut von Hentig, Theodor Heuss (aus der Schweiz kam Geld von den Familien Wille und Schwarzenbach). Hellmut Becker war später eine grosse Karriere beschieden: er wurde Gründungsdirektor des Max Plancks-Instituts für Bildungsforschung und zusammen mit seinem Freund Georg Picht (ebenfalls georgeanisch sozialisiert) die zentrale Figur der Bildungsreform der sechziger Jahre. Am „Bildungsbecker“ kann Raulff zeigen, wie ein umgebautes, für Psychoanalyse und Kritische Theorie offenes und damit kaum mehr erkennbares Georgeanertum noch lange die geistige Landschaft Deutschlands geprägt hat.

Raulffs Buch ist ein Paradestück avancierter Kulturwissenschaft: akribisch recherchiert (es bietet eine Fülle bisher unveröffentlichten Quellenmaterials) und jederzeit um argumentative Stimmigkeit bemüht. Zugleich ist es eine Erzählung von hohem Rang: witzig, spannend, anekdotenreich, satirisch scharf, wo es um die skurrilen Fanatismen der heiligen Schar geht, liebevoll in den Portraits seiner klugen Helden wie Kantorowicz und Erich von Kahler.  Klio, die Muse der Geschichtsschreibung, muss nicht unbedingt dichten. Es genügt, wenn sie eine Prosa diktiert wie diese.

Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Das Nachleben Stefan Georges. C.H. Beck Verlag, München 2009.